No 116.
Verhandelt in der Wirtschaft Hauseur am 12. November 1899.

Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen beginnt der Vorsitzende sein Referat: - Warum soll man die Obstbäume kälken? – Redner führt ungefähr folgendes aus: Eines der sehr stiefmütterlich behandelten Kapitel in unserm Wirtschaftsbetriebe ist unstreitig die Pflege des Obstbaumes. Die jährlich wiederkehrende und mit fast gar keinen Kosten zu bewirkende Entnahme des Obstes von den Bäumen ist zwar eine angenehme Sache, aber das Interesse vieler Landwirte für ihre Obstbäume ist damit gewöhnlich beendet und erwacht erst wieder bei der nächsten Ernte. Andere interessieren sich für ihre Obstbäume überhaupt nicht. Sie nehmen die Ernte und überlassen alles übrige der guten Mutter Natur, die ihre Bäume auch noch mit einigen Früchten beschenkt. Daß der Früchte liefernde Obstbaum auch der Pflege bedarf, daß mit der Zeit doch eine Erschöpfung des vorhandenen Bodenreichtums eintreten könne und derselbe Ersatz für die entzogenen Stoffe braucht, liegt vielen Landwirten fern. Jedermann hält zwar die Äpfel und Birnen für eine köstliche Speise, viele kaufen auch diese Früchte lieber um teuren Preis oder entbehren sie ganz, als daß dieselben durch Pflege der vorhandenen und Anbau neuer Obstbäume sich diese Früchte selbst ziehen. Und doch ist gerade der Obstbaum auch nur für ein klein wenig Pflege recht dankbar und ersetzt die aufgewandte Mühe durch Mehrertrag reichlich. Zur sachgemäßen Behandlung der Obstbäume gehört auch besonders das Bestreichen derselben von der Wurzelkrone bis an die Äste mit Kalkmilch. Diese Arbeit muß vor dem Winter geschehen. Leider versieht man gerade in unserer Gegend die Obstbäume noch sehr wenig mit diesem übrigens sehr hübschen Anstrich. Das mag wohl daher kommen, daß man den Wert dieses Verfahrens nicht genügend kennt. Und doch ist diese Arbeit von großer Wichtigkeit für das Gedeihen des Obstbaumes und auch von Bedeutung für die Ertragfähigkeit desselben, besonders für ältere Stämme. Denn besonders an diesen bildet sich am Stamme und an den alten Ästen Borke. Es entstehen Risse in der Rinde und lose aufsitzende, abgestorbene Rindenplatten, welche für den Baum nutzlos sind, aber die besten Schlupfwinkel für das schädliche Ungeziefer abgeben, in denen dasselbe ausgezeichnet überwintern kann. Auch entstehen leicht, besonders bei ungünstiger Bodenbeschaffenheit, an Stamm und Ästen Moose und Flechten, welche ebenfalls dem Baume sehr zum Nachteil gereichen. Vor dem Kälken werden nun die lose aufsitzenden Rindenteile sowie Moose und Flechten entfernt und dann der Stamm und auch die alten Äste mit frisch gelöster Kalkmich (Kalkmilch), der man noch zweckmäßig Ruß und Asche beigemengt hat, bestrichen. Durch die scharfe Kalklauge werden die etwa noch vorhandenen Insekteneier und Larven, die in den Rindenrissen sich befinden, vernichtet und der Stamm gegen Moose und Flechten geschützt. Auch vor üblen Krankheiten wird der Obstbaum durch den Kalkanstrich bewahrt. Manche Obstbäume zeigen nämlich, besonders an der Wetterseite, schadhafte Stellen, die durch den Frost entstanden, sich leicht vergrößern und zu dem schwer heilbaren Krebsübel sich ausbilden, das den Baum gewöhnlich zu grunde richtet. Durch den Kalkanstrich aber wird der Baum vor der nachteiligen Wirkung des raschen Wechsels zwischen Frost und Sonnenwärme an klaren Wintertagen, besonders im Februar und März, behütet, weil die weiße Kalkfarbe die Wärme abhält.
Auch ist der Kalkanstrich schon deshalb empfehlenswert, weil er, vom Regen abgewaschen, dem Baum guten Düngstoff liefert.
Redner macht noch darauf aufmerksam, daß in unserer Nachbargemeinde Mützenich eine Baumanlage geschaffen worden ist, aus welcher bald passende Sorten bezogen werden können. Aber auch noch andere Quellen gibt es in der Umgebung genug, um Bedarf an jungen Bäumen zu decken und rät an, endlich doch mit dem bekannten unhaltbaren Vorurteil, „in unserer Gegend wächst kein Obst,“ zu brechen.
II. Vortrag des Herrn Bürgermeisters Kremer „über Verbreitung der Maul- und Klauenseuche.“
Redner zeigt, daß die Frage der Maul und Klauenseuche von sehr großer Bedeutung für unsere viehreiche Gegend ist. Die traurigen Beispiele aus der Umgegend, wo die Seuche grasiert, nötigen zur allergrößten Vorsicht, besonders auch, weil diese Krankheit so traurige Nachwirkungen hervorruft, und unter Umständen nicht nur die Existenz unserer Molkerei gefährden sondern auch die Gemeinde an den Rand des Verderben bringen kann. Er gibt die Kennzeichen dieser Krankheit an und stellt es als Pflicht eines jeden Viehbesitzers hin:
  1. keinem fremden Händler das Betreten des Stalles zu gestatten;
  2. bei eingetretener Krankheit sogleich auf dem Bürgermeisteramte Anzeige zu erstatten, nicht nur, damit dem Gesetz Genüge geleistet werden, sondern auch, damit das Gehöft gesperrt und der Krankheitsherd beschränkt bleibe;
  3. für peinlichste Sauberkeit im Stalle Sorge zu tragen und denselben häufig mit Creolin (früher Desinfektionsmittel in der Tiermedizin) -Wasser zu begießen, auch dem noch nicht verseuchten Vieh damit häufig die Hufe zu waschen;
  4. für gute Lüftung zu sorgen;
  5. keine andern Stallungen zu besuchen, weil der Krankheitsstoff gar zu leicht übertragen werde;
  6. auch die Milchkannen, die zur Molkerei gefahren werden, täglich mit heißem Wasser zu reinigen
Die Versammlung dankte dem Herrn Bürgermeister für seine schönen und klaren Ausführungen durch ein lebhaftes Bravo.
III. In Kürze zeigt der Vorsitzende die Behandlung des Getreides nach dem Drusche. Dasselbe soll auf nicht zu große Haufen geschüttet werden sondern möglichst flach liegen und muß häufig umgeschaufelt werden, damit sowohl die Feuchtigkeit, die noch darin enthalten, als auch der damit verbundene häßliche Geruch schwinde.
Zum Schlusse erteilt der Vorsitzende dem Herrn Dahlhausen aus Köln, Vertreter der Haftpflichtversicherungs-Gesellschaft Zürich das Wort. Herr Dahlhausen zeigte in längerem Vortrage die Notwendigkeit und Nützlichkeit einer solchen Versicherung und nahm zum Schlusse mehrere anwesende Landwirte als Mitglieder auf.

               v.     g.     u.

Der Vorsitzende:     Der Schriftführer
     Wintgen.                   Pick.